Zur Geschichte der evangelischen Kapelle

Der Bau einer evangelischen Kirche erfolgte erst 10 Jahre später. Anlass war die 100-Jahr-Feier Heiligendamms im Jahre 1893, an der die großherzogliche Familie teilnahm. Großherzog Friedrich Franz III. stiftete im Rahmen einer Feierstunde 10.000 Mark an einen Verein, der sich den Bau der Kirche zum Ziel setzte. Auch der Bauplatz an der Südseite des Waldes wurde von dem Großherzogtum zur Verfügung gestellt. Es war der Lieblingsspielplatz seiner Kindheit.
Erst 1903 war das erforderliche Geld durch den Verein aufgebracht worden, um mit dem Bau, dessen Pläne wiederum von Möckel stammten, zu beginnen.
1904  konnte die kleine Waldkirche geweiht werden.
Nun besaß Heiligendamm zwei kleine verschwiegene Kapellen, im Buchenhochwald gelegen, abseits der Weißen Stadt am Meer, aus dem roten Backstein der norddeutschen Gotik gebaut.

 

 

Aus der Predigt des Landessuperintendanten Dr. Kleminger vom 18. Juli 2004 anlässlich des Festgottesdienstes zur hundertsten Wiederkehr der Kirchenweihe:
 
„Blicken wir zurück.
1793 war zu Zeiten Friedrich Franz I. auf Anregung des Rostocker Arztes Samuel Gottlieb  Vogel  das erste  deutsche Seebad in  Heiligendamm  errichtet worden. Zunächst  begann  der Badebetrieb zur schleppend. Doch ab 1839 entdeckte die großherzogliche Familie  Heiligendamm  für sich.

Fortan wurde hier kräftig gebaut. Es entstanden die „neuen Logierhäuser“, wie sie damals  hießen. Es war nicht anders als heute, den Aufschwung nahm das Bad erst, als   zahlungskräftige Badelustige aus Süddeutschland nach hier kamen. Und weil sie mit der   Eisenbahn kamen, nannte man sie hier „de Isenbahners“. Diese Isenbahners waren nun  zumeist katholisch und sie beklagten sich, dass sie weit und breit keine katholische Kirche  zum Gottesdienst besuchen könnten. Sie hätten immerhin bis Schwerin oder Ludwigslust  fahren müssen. Zunächst gestattete der Großherzog Friedrich Franz II., der ja zugleich der für  die evangelische Kirche Zuständige war, dass die Katholiken in einem Raum des Badehauses  Gottesdienst hielten. Und wenig später gestattete er auch den Bau einer Kapelle. Entworfen  hatte sie Gotthilf Ludwig Möckel.

Bereits 1888 wurde sie eingeweiht.


„Nun hagelte es Beschwerden seitens der evangelischen Badeurlauber, die sie beim  Badeintendanten in Doberan einreichten. Sie wollten auch eine Kirche haben. Aber das sahen  sowohl der Großherzog als auch die evangelischen Pastoren in Doberan ganz anders. Sie  sahen keine Notwendigkeit zum Bau einer evangelischen Kirche.


Als Lösung des Konflikts bot der Großherzog etwas Einmaliges an. Er ließ alle 14 Tage  sonntags einen Sonderzug nach Doberan fahren. In diesem „Kirchenzug“ konnten die  Fahrgäste unentgeltlich fahren.


Wiewohl nun Badegäste und Insassen des Armenkrankenhauses 14-tägig auf Kosten des  Großherzogs unentgeltlich zum Gottesdienst nach Doberan fahren konnten, zeigte sich auch  damals, dass die Mecklenburger nicht sehr beweglich waren, wenn es darum ging, zum  Gottesdienst in einen anderen Ort zu fahren. Also nahm der Druck ab 1892 zu, es möge in  Heiligendamm doch wenigstens einmal in der Woche Nachmittags- oder Abendgottesdienste  geben. Insbesondere auch für die Bediensten des Bades und die Diener der Badegäste.


Das Ministerium für Medicinalangelegenheiten wurde in der Sache beim Großherzog  vorstellig. Jetzt war dies bereits Friedrich Franz IV.

 

Dieser bat den Landessuperintendanten Dr. Hardeland in Doberan um ein Gutachten. Zwar  schreibt dieser ein viele Seiten dickes Gutachten. Drin steht aber nur: Es soll alles beim Alten  bleiben. Der Kirchenzug hat sich bewährt. Einen Nachmittagsgottesdienst könne man in  einem Raum im Badehaus für Bedienstete abhalten – wenn solche Trennung von Klassen  auch nicht im Sinne des Evangeliums sei. Der Hilfsprediger zu Althof sollte die Gottesdienste  halten.


Diesem Gutachten schließt sich der Oberkirchenrat an.
Graf von Plessen aus Ivenack und der Drost des Amtes Doberan von Bülow treiben die  Sachen voran. Beide Männer gewinnen den neuen Landessuperintendenten von Doberan  Behm für ihre Pläne.

 

Staatsrat von Pressentin nahm in Schwerin die Dinge in die Hand und entwarf ein Konzept:

  1. Der geheime Baurat Möckel möge die Kirche bauen. Kosten max. 35.000 M (Bau, Fenster und Türen 25.000; Inneres 7.000)
  2. Die Kapelle soll kirchlich zu Doberan gehören.
  3. In der Zeit vom 01. Juli bis Ende August soll sonntäglich Gottesdienst in der Kapelle stattfinden. Dafür sollen zwei Kurprediger eingestellt werden, die jeweils für einen Monat dort arbeiten. Dies auf ausdrücklichen des Großherzogs.
  4. Der Küster soll für jährlich 60 M angestellt werden. Ein Doberaner Volksschullehrer soll in zehn Gottesdiensten im Jahr für die Kirchenmusik sorgen – ebenfalls für 60 M.
  5. Eine Orgel ist vorzusehen.
  6. Ein Gesangschor ist entbehrlich.
  7. Der Landesherr unterstützt den am 07. Juli 1893 begründeten Kapellenverein.

 

Noch manche Briefe und Gutachten werden gewechselt.
Bspw. heißt es darin, dass es viel wichtiger sei, in Graal-Müritz eine Kirche zu bauen – oder  auch in Brunshaupten oder Ahrendshoop.
Für die Kranken des Armenkrankenhauses wollte man schließlich einen Beetsaal an das  Krankenhaus anbauen. – Dafür würden schließlich auch die vorhandenen 20.000 M reichen.
Aber letztlich ziehen sich alle Briefschreiber auf das Urteil des Großherzogs in der Sache   zurück. – Mit anderen Worten, sie schielten nach den Fördermitteln. Der Großherzog lässt  sich auch nicht lumpen. Er bewilligt am 11. März 1902 weitere 12.000 M und stellt einen  Bauplatz zur Verfügung.

 

Am 23. April 1904 schreibt das großherzogliche Ministerium, Abteilung geistliche Angelegenheiten, an den Oberkirchenrat, dass die Unterhaltungskosten für die Kapelle zu  Lasten der großherzoglichen Renterei gehen.
700 M jährlich werden für zwei Geistliche bereitgestellt, die jeweils 1 ½  Monate Dienst tun  sollen.
Küster, Kantor, Bälgetreter sollen aus dem Kapellenärar bezahlt werden. In diesen zahlt der  Großherzog jährlich 300 M ein.

 

Die Einweihungsfeiern für diese Kirche wurden von Landessuperintendent Brehm, Geheimem  Baurat Möckel und Amtshauptmann von Bülow genauestens geplant.

 

Die Weihe fand  schließlich am 31. Juli 1904 statt.

 

In einer lange Prozession zog man durch den Wald.

  • Zuerst Küster, Chor und Organist.
  • Dann der Landessuperintendent und die Assistenten Klieforth und Brückner.
  • Es folgten die  allerhöchsten Herrschaften mit ihrem Gefolge.
  • Sodann der Vorstand des Vereins zur Erbauung einer evangelischen Kirche am Heiligen  Damm.
  • Jetzt die Handwerksmeister.
  • Und zum Schluss die Gemeinde, an die Eintrittskarten ausgegeben worden waren.

 

Am  Westportal angekommen, begrüßte Graf von Plessen den Großherzog und meldete die  Vollendung des Baus. Baurat Möckel übergab den Schlüssel. Der Großherzog übergab den  Schlüssel an den Landessuperintendenten und der schloss auf.


Da das Geld nicht für den Bau einer Orgel oder die Anschaffung eines Harmoniums gereicht  hatte, spielte bei der Einweihung das Kurorchester.
So viel über das Werden dieses Hauses.

 

In den folgenden 100 Jahren wurden mancherlei Sanierungen nötig, Ausstattungsgegenstände verschwanden. Das Gestühl wurde erneuert.

Interessant war für  mich zu lesen, dass die Messingtaufschale dieser Kirche bereits aus dem Jahr 1864 stammt.  So ist es wohl, dass wir in allem Neuen aus älterem schöpfen.  – Dass wir von Vorgegebenem  leben.
Das wir aufnehmen und erwerben, um es zu besitzen.

 

Nur  kann es dabei nicht bleiben. Auch dieses Kirchengebäude ist ein Zeichen dafür. Zwar  ansieht, merkt: Jetzt sind wir dran.

 

Sollten wir das nicht gemeinsam schaffen?

 

 

Die evangelische Kapelle 1903 - 1904

Die Kapelle steht malerisch vor der Waldsilhouette. Sie besteht aus einem dreijochigen Langhaus und einem polygonalen Altarraum. Der rippengewölbte Raum ist trotz der geringen Größe von 140 m² von beeindruckender Wirkung. An der Südseite ist asymmetrisch der quadratische Turm zugeordnet, eine bereits bei Möckels erstem großen Kirchenbau, der Johanniskirche in Dresden (1873  -  78), vorgesehene Lösung. Der rote Backsteinbau ist nach dem Vorbild mecklenburgischer Dorfkirchen mit Putzblenden, Formsteinen und Glasurziegeln geschmückt.

 

 

Grundriss
Südansicht
Querschnitt