Zur Geschichte der katholischen Kapelle

Es ist verwunderlich, dass erst nach rund hundert Jahren Bautätigkeit in Heiligendamm, in denen der  Ort zu einer beachtlichen Größe herangewachsen war, auch an die Errichtung von Kirchen gedacht wurde.

Zunächst schien es nicht erforderlich zu sein, spielte sich das gesellschaftliche Leben in der Sommerresidenz des Herzogs und späteren Großherzogs in Doberan ab. Hier war mit der gotischen Klosterkirche, dem Münster, das zugleich Grablege des mecklenburgischen Hofes war, ohnehin ein repräsentatives Gotteshaus gegeben. In Heiligendamm war man zu sehr in griechischer Mythologie und romantischer Naturschwärmerei befangen, um an die Notwendigkeit eines Raumes für Gottesdienste zu denken.

Den Mangel an einem Gotteshaus empfanden zunächst die katholischen Badegäste. Im Sonntagsblatt „Germania“ schrieb der Großherzogliche Badeintendant Kammerherr von Suckow: „Das am Ostseestrand in Mecklenburg bei Doberan gelegene Seebad Heiligendamm wurde in den sechziger Jahren von katholischen Badegästen aus ganz Deutschland und Österreich viel besucht. Gewohnt ihren religiösen Bedürfnissen und Pflichten zu genügen, beklagten sich dieselben stets, keine Gelegenheit vor Orte zu finden, um das heilige Messopfer zu feiern.

Bereits 1866 gestattete das Großherzogliche Mecklenburgische Ministerium, Abteilung für geistige Angelegenheiten, der gräflichen Familie von Magnus aus Oberschlesien „während der Dauer des Aufenthaltes am Heiligen-Damm, für dieselbe in deren dortigem Logis von Zeit zu Zeit Römisch-Katholische Gottesdienste zu halten“.

Ein Bericht über Heiligendamm, verbunden mit einem Spendenaufruf für eine Kirche, in dem in Mainz erscheinenden „Katholischen Volksblatt“ vom 21. Mai 1882 endet mit den Zeilen: „Wer will mithelfen, damit am fernen Ostseestrand wiederum ein Kirchlein entsteht, in dem Jesu Opfer gefeiert werden und Maria als Meeresstern begrüßt wird?“ Maria und nicht Aphrodite, sollte der „Meeresstern“ werden.

 

Kammerherr von Suckow,  der in den 50-iger Jahren mit einigen mecklenburgischen Edelleuten zum Katholizismus übergetreten war, wurde zum Initiator des Baues der Kapelle. Er erwirkte, dass beim Verkauf des Seebades 1873 an eine Aktiengesellschaft eine Fläche im Wald freigehalten wurde. Er sammelte die Geldmittel durch private Spenden.

Der erste Entwurf der Kirche fand wenig Gefallen.

Im Jahre 1879 ließ von Suckow durch den als „Gotiker renommierten Architekten G.L. Möckel einen anderen, rein gotischen Bauplan anfertigen“.

Anfang Januar 1883 bat von Suckow beim Großherzog um Baugenehmigung. Diese wurde jedoch abgelehnt, weil von der erforderlichen Bausumme von 23.000 Mark erst 9.383 Mark gesammelt waren. Von Suckow „erbettelte persönlich“, was noch fehlte. Er war inzwischen 66 Jahre und musste befürchten, dass sein sicher nicht katholischer Amtsnachfolger den Plan aufgeben würde. Im Sommer 1887 hatte er 18.000 Mark zusammen. Den Rest erhielt er über einen Bankkredit. Nun erwirkte er von Schwerin die Baugenehmigung mit der Bedingung: „Vorausgesetzt wird, dass Sie die Kapelle nach dem von Baurath Möckel entworfenen Plan erbauen lassen“.

 

Nach fünfzehnjährigen Bemühen wurde am 23. August 1888 die „Herz-Jesu-Kapelle“ am  Heiligen-Damm geweiht. Am 24. August hielt Pfarrer Gloger aus Forst in der Lausitz, Badegast in Heiligendamm, die erste Messe.

„Deo gratias“ schreibt von Suckow. „Wahrlich, eine herrliche, erhebende Vesperfeier, welche so an dieser neu geweihten Stätte abgehalten wurde. Die erste Wohnung, die wieder dem göttliche  Herzen Jesu geweiht wurde an diesem seit langem entfremdeten Gestade der Ostsee, wo einst so segensreich die Söhne des heiligen Bernard gewirkt hatten“. (Gemeint sind die Mönche des Klosters Doberan). Diese Vesper  fand am gleichen Tag mit Teilnehmern einer Kunstreise der St. Thomas und St. Lucas-Gilde aus Lüttich statt.

 

Statt es der katholischen Gemeinde gleichzutun und auch ein evangelisches Gotteshaus zu errichten, antwortete die protestantische Seite auf dem Kirchenbau mit böswilligen Schmähungen;  die  Kirche sei unnötig , da in unmittelbarer Umgebung nicht einmal ein Dutzend Katholiken wohnten.

Die Bedürfnisse der Badegäste wurden verschwiegen.

Der „Mecklenburgische Anzeiger“ vom 29. März 1883 sieht in der „Herz-Jesu-Kapelle“ jesuitische Auswüchse zum modernen römisch-katholischen Leben und eine Verirrung, die in Frankreich ihren Ursprung hat.

Etwa gleichzeitig wurde an der Kirche Sacre Coeur auf dem Montmartre in Paris gebaut. Seit 1875 verbreitete sich der Herz-Jesu-Kult in der katholischen Kirche unter jesuitischem Einfluss besonders in Frankreich.

Der “Mecklenburgische Anzeiger“ vom 27. September 1887 erkennt ebenfalls kein wirkliches Bedürfnis für den Bau, „die Kirche kann eigentlich nur für den Zweck der Propaganda“ gemeint sein.

Die Sorgen, die kleine Kapelle in Heiligendamm könnte für eine politische Agitation missbraucht werden, war  in Schwerin groß. Noch einmal wird in einem Erlass Friedrich Franz III. im Jahre 1912 ausdrücklich auf ihre Unterstellung unter „Landesherrliche Bestimmungen“ verwiesen und die Kapelle der Rostocker Pfarrei zugeordnet.

Bis zum Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde die Kapelle für regelmäßige Gottesdienste vorrangig von Hotelgästen und später von Kurpatienten genutzt.

Mit der Aufgabe des Sanatoriums in  den historischen Gebäuden Heiligendamms verfiel auch die nunmehr ungenutzte kleine Kirche zusehends.
Die katholische Gemeinde gab sie auf.

Temporäre Ausstellungen der Heiligendammer Fachhochschule waren keine Nutzungsalternative.

Schließlich haben Plünderer sie bis zur  letzten Bank ausgeraubt. Das ist vor allem deshalb ein schmerzlicher Verlust, weil die Ausstattung noch aus der Erbauungszeit stammte und, von Möckel entworfen, als schönes Beispiel wieder belebter Handwerkertradition Zeugnis gab.

Von Gestrüpp zugewuchert und zu nahen Bäumen befreit, wartet diese Kleinod neogotischer Backsteingotik auf seine Wiedererweckung.

 

 

Wie ein Gegenmotto zum „Heic te letitia invitat post balnea sanum“ stehen über dem Eingang der Kapelle in schmiedeeisernen Lettern die Worte Jakobs nach seinem Traum von der Himmelsleiter:

 

 

„Hic domus Die est, et porta Coeli“ (Hier ist das Haus Gottes und die Pforte des Himmels).

Die katholische Kapelle 1887 - 1888

Mit den Entwurfsarbeiten begann Möckel 1879.
Der Beginn der Bauausführung war im September 1887. Die Fertigstellung  erfolgte im Mai 1888.
Dem Einschiffigen Backsteinbau schließt sich im Osten ein fast ebenso großer 7/10  -  Chorraum an, der von einem Dachreiter bekrönt ist. Dadurch entsteht eine interessante Durchdringung von Langhaus und Zentralraum.
Formsteine und Glasurziegel schmücken die kleine Kapelle von etwa 110 m² Grundfläche, die 50 Personen Platz bietet.

 

 

Katholische Kapelle perspekt. Ansicht
Katholische Kapelle Ansicht und Grundriss