Der romantische Zauber der Neogotik

Abseits vom klassizistisch geprägten Zentrum Heiligendamms, vom flüchtigen Besucher kaum wahrgenommen, liegen zwei kleine Kapellen versteckt im Buchenwald.


Nähern wir uns ihnen, liegt ihr Zauber in der landschaftlichen Lage. Der rote Beckstein strahlt aus dem Grün des Waldes, weithin leuchten sie aus den schneeverhangenen Bäumen.


Man wird an Bilder der Romantiker erinnert und möchte Goethe zitieren:
„Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen und haben sich, ehe man es denkt, gefunden“.

Auch wenn die Kapellen in keinem städtebaulichen Zusammenhang zum Badeort stehen, wirken sie zunächst befremdliche, wenn man von einer Abfolge „reiner“ Stile ausgeht. Aber gerade im Gegeneinanderstellen unterschiedlicher Gestaltungsauffassungen wird die jeweilige Absicht deutlich.

 

Hegel hatte bereits der klassischen Architektur die romantische, die gotische, als notwendigen Kontrast gegenübergestellt. Während die klassische  Architektur nach den  Formen des „streng Regelmäßigen“ und der „festen Gesetzmäßigkeit“ arbeitet, findet sich in der romantischen Architektur „höchste Partikularisation, Zerstreuung und Mannigfaltigkeit“. „Es ist die Substanz des Ganzen, welche sich in notwendigen Teilungen einer Welt individueller Mannigfaltigkeiten auseinanderstellt und schließlich zu sicherster Einheit wieder zusammengefasst wird“.

 

So betrachtet gewinnt der gotisierende Historismus die Wertschätzung, die ihm bei einseitiger Betrachtung vom Standpunkt einer klassisch geprägten Rationalität versagt bleibt. Keinesfalls handelt es sich dabei um eine beliebige Mode, die in die Schatzkammer der Stile greift, sondern um ein ästhetisches Programm.

 

Bereits um 1830 verlor der Klassizismus seine vorrangige Stellung in der Baukunst. Heinrich Hübsch hatte 1828 für die notwendige „Befreiung von den Fesseln der Antike“ sachliche Gründe angeführt, die er in dem Bestreben nach Zweckmäßigkeit in der Nutzung und der Ökonomie der Bauweise sah.

 

In den 50-iger Jahren des 19. Jahrhunderts gewann unter dem Einfluss des englischen Gothic Revival und der Restaurierungswelle der französischen Kathedralen unter Violett Le Duc die mittelalterliche Gotik zunehmendes Interesse. In diese Zeit fällt der Bau der Burg Hohenzollern durch Demmler in Heiligendamm.

Die Rückbesinnung war nicht nur Erinnerung an eine schöne Vorzeit, sondern die Achtung vor der Gotik als Epoche höchster Entfaltung religiöser Kunst. Die konstruktive Perfektion bei der Ableitung der Kräfte und das erreichte Höchstmaß an Wirkung mit einem Minimum an Masse erregten des Interesse der Ingenieure und Architekten.

 

Möckel hatte im Umfeld dieser Bewegung seine Ausbildung erfahren und wurde in seiner letzten Schaffensperiode in Bad Doberan zu einem herausragenden Baumeister der Neogotik in Mecklenburg. Die Heiligendammer Waldkapellen sind dafür qualitätsvolle Zeugnisse.